Montag, 1. September 2014

Inflationserwartungen im Euro-Raum sind nicht verankert

Spekulation schiessen über weitere geldpolitische Lockerung in der Eurozone wild ins Kraut. Mario Draghi hat mit seiner Rede in Jackson Hole offenbar hohe Erwartungen geweckt. EZB-Präsident will die Inflationsrate wieder in Richtung 2% heben. Aber wie?

Eine mengenmässige Lockerung der Geldpolitik (QE: quantitative easing) à la USA und/oder Japan kommt nicht in Frage, wie Wolfgang Schäuble, Deutschlands Finanzminister am Wochenende unverblümt festgehalten hat.

Auch François Hollandes Erklärungen, dass die EZB mehr unternehmen müsse, um das Wachstum im Euro-Raum anzukurbeln, wurden durch Berlin im Keim erstickt.

Draghi hatte bisher die Ansicht vertreten, dass die Inflationserwartungen im Euro-Raum verankert seien. Auf dem Zentralbanktreffen in den USA hat er jedoch eingestanden, dass die Inflationserwartungen merklich gefallen sind.


Inflationserwartungen im Euro-Raum (gemessen an Inflationsswaps), Graph: ZKB in DMO

Wie in der Abbildung zu sehen ist, sind die Inflationserwartungen (gemessen an Inflation Swap Rates) seither tatsächlich weiter gefallen.

Nach einer ersten Einschätzung des eurostat ist die Inflation im August auf 3% gesunken. Das ist der tiefste Stand seit Oktober 2009. Je länger und je deutlicher die Teuerung unter dem Zielwert der EZB von 2% liegt, desto grösser wird die Gefahr, dass eine deflationäre Entwicklung um sich greift, wie die ZKB in der heute veröffentlichten Daily Market Opinion argumentiert.

Das ist die Folge der fatalen Wirtschaftspolitik durch die EU. Die EU-Behörden haben in Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 und die daraus folgende Rezession zwei verhängnisvolle Fehler begangen, wie Paul de Grauwe in einem lesenswerten Artikel in The European hervorhebt.

(1) Die Fehldiagnose der Euro-Krise: Brüssel und Berlin haben von Anfang an behauptet, dass die verschwenderische Haushaltspolitik die Ursache der Euro-Krise ist. Tatsächlich war es der Privatsektor (nicht die öffentliche Hand), der sich über Gebühr verschuldet hat (Ausnahme: Griechenland).

Die wahre Natur der Rezession (balance sheet recession) wurde nicht erkannt, was dazu führte, dass sowohl der Privatsektor als auch der öffentliche Sektor in einer schwer angeschlagenen Wirtschaft gleichzeitig die Gürtel enger schnallen. Die Folge: Die Deflationsneigung (deflation bias) in der gesamten Euro-Zone.

(2) Der Trugschluss, dass man mit Strukturreformen die Wirtschaftsleistung stimulieren kann. Das heisst die Annahme (gemäss dem Say’schen Gesetz), dass das Angebot seine Nachfrage schafft. In der Praxis hat die Austeritätspolitik, wie nicht anderes zu erwarten war, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage weiter geschwächt und die Produktionskapazität reduziert.

Trotz historischen niedrigen Zinsen nimmt heute niemand die Ersparnisse auf (d.h. sich verschuldet) und ausgibt (d.h. investiert). Sowohl geld- als auch fiskalpolitische Impulse bleiben aus. Und die Arbeitslosigkeit verharrt auf hohem Niveau. Während Menschen unnötig leiden, halten die Eurokraten am harschen austeritätspolitischen Kurs fest, koste, was es wolle.





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