Montag, 22. August 2016

Wenn Regulierte Regulierer vereinnahmen

Simon Wren Lewis befasst sich in seinem Blog mit der kritischen Rolle, die der IWF während der Krise in der Eurozone gespielt hat. Bemerkenswert ist, dass der an der Oxford University lehrende Wirtschaftsprofessor dabei als Fazit das Argument regulatory capture“ (*) anführt.

Zur Erinnerung: Die eigenen Mitarbeiter des IWF hatten im Jahr 2010 gesagt, dass Griechenlands Schulden nicht nachhaltig sind. Doch der IWF hat dem Druck der europäischen Politiker nachgegeben und auf eine Umstrukturierung der Schulden verzichtet.

Stattdessen hat die Troika den katastrophalen Weg der übermässigen Austerität beschlossen, wobei der IWF selbst die Auswirkungen, die der harsche Sparkurs entfalten würde, vollkommen unterschätzt hat.

Was wir in den letzten Jahren immer öfters hören ist aber, wie der IWF an europäische Entscheidungsträger eine Art Ultimatum stellt, doch noch einen Schuldenumbau zu akzeptieren.

Die wiederholten Fehlschläge deuten laut dem britischen Ökonomen auf ein strukturelles Problem innerhalb des IWF hin: Die Mitgliedstaaten werden nicht gleichbehandelt. Siehe Griechenland in der Eurozone.



Das pro-Kopf BIP in der Eurozone heute noch tiefer als im Jahr 2007, Graph: Narayana Kocherlakota in: Bloomberg View

Freitag, 19. August 2016

Der neutrale Realzins und andere Unannehmlichkeiten

John Williams, San Francisco Fed Präsident sagt, dass es Zeit ist, Überlegungen anzustellen, ob die Zielinflationsrate (Inflationssteuerung) von 2% an die gegenwärtigen Konditionen angepasst werden soll oder nicht.

Seiner Ansicht nach gibt es einfach keinen Spielraum für die Zentralbanken, die Zinsen in Reaktion auf einen wirtschaftlichen Abschwung weiter zu senken, wenn die Inflation nahe Null liegt und der sog. natürliche Zinssatz (natural rate) sehr niedrig ist.

Die zugrundeliegenden Determinanten für den Rückgang der beiden Werte sind eng verknüpft mit:

dem Angebot und der Nachfrage der Geldanlagen,
dem demographischen Wandel,
dem trägen Trend der Produktivität,
dem schwachen Wirtschaftswachstum,
der Suche der sog. Schwellenländer nach sicheren Anlagen für die eigenen grossen Devisenreserven und
einer allgemeinen Ersparnissschwemme (savings glut).

Tatsache ist, dass die Fed ihr Inflation Target von 2% seit mehr als vier Jahren unterbietet, gemessen am PCE.

Warum soll die Fed die Zielinflationsrate vorübergehend nicht auf 4% erhöhen, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Vollbeschäftigung wiederherzustellen?

Ein Einwand ist, dass eine höhere Inflation grosse verzerrende Probleme schaffen würde. Das Stichwort ist Preisstreuung (price dispersion): Inflation würde Preise verzerren, wenn Unternehmen Preise verändern wollten, womit wirtschaftliche Effizienz leiden würde.



Der um die Inflation angepasste natürliche Zinssatz, Graph: John Williams, San Francisco Fed President in: "Monetary Policy in a low R-Star World", Aug 2016.

Donnerstag, 18. August 2016

Inflationssteuerung und Nachfrageschwäche

David Beckworth liefert in seinem Blog zum Thema Nachfrageschwäche zwei sehenswerte Abbildungen.

Was ins Auge sticht, ist, dass das Wachstum der nominalen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage pro Kopf, das in den vergangenen Jahren im Durchschnitt rund 5% betrug, seit der Finanzkrise von 2008 erheblich nachgelassen hat.

Natürlich kommt es auf das reale Wirtschaftswachstum, welches nicht von der nominalen, sondern von den realen Faktoren bestimmt wird.

Beckworths Standpunkt betrifft aber die Frage, warum es nicht mehr möglich ist, ein nominales pro-Kopf Nachfragewachstum von rund 5% wie in vor 2008 zu erzeugen.

Das hat mit der Inflationssteuerung-Politik (inflation targeting) der Zentralbanken zu tun, betont der wissenschaftliche Mitarbeiter im Mercatus Center der George Mason University mit Nachdruck.

Es ist Zentralbanken seit Anfang der 1990er Jahren so gut gelungen, die Inflation niedrig zu halten, dass jede Abweichung davon heute einfach als untragbar wahrgenommen wird, so Beckworth.



Das nominale pro-Kopf Nachfragewachstum, Graph: David Beckworth

Mittwoch, 17. August 2016

Fed’s vernünftige Umsicht mit Zinsen

Der Bloomberg UST Bond Index ist seit Jahresbeginn um 5,1% geklettert. Das ist die beste Performance seit 2011. Damals belief sich der entsprechende Wert auf 6%. Im gesamten Jahr betrug die Performance rund 10%.

Zur Erinnerung: Die Rendite der US-Treasury Bonds mit 10 Jahren Laufzeit beträgt heute 1,57%. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, kurz zu erwähnen, dass die Wertentwicklung der US TIPS (inflationsindexierte US-Staatsanleihen) mit einem Ertrag von 6,9% die der nom UST mit 5,5% seit Jahresbeginn schlägt.

Fed Funds Futures implizieren eine 50%-ige Chance für eine Zinserhöhung bis zum Jahresende, wie Bloomberg gestützt auf die eigenen Daten berichtet. Im Vergleich lag die Chance vor einer Woche bei 42%.

Aus Wetten der Futures Traders geht hervor, dass die Chance eines Zinsanstiegs im Dezember zum ersten Mal seit dem „EU-Leave“-Entscheid Grossbritanniens auf 50% gestiegen ist.

Ein wesentlicher Faktor war dabei sicherlich die Aussage von William Dudley, dem Fed-Präsidenten von New York, dass die Anleihemärkte „ein wenig ausgespannt“ aussehen. Dudley hat zudem hinzugefügt, dass ein Zinsanstieg schon im nächsten Monat kommen könnte.



Die Chance einer Zinserhöhung durch die Fed im Dezember liegt zum ersten Mal über 50 Prozent, Graph: Bloomberg TV

Dienstag, 16. August 2016

Was bedeutet der Verlauf der Abenomics bisher?

Die japanische Regierung hat vergangene Woche ein Konjunkturpaket (ca. 277 Mrd. USD) im Wert von 28,1 Billionen JPY (d.h. 10 hoch 12) vorgestellt, um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln.  Die Staatsausgaben belaufen sich aber auf nur 6,2 Billionen Yen, wovon gerade 4,6 Billionen JPY im laufenden Fiskaljahr fällig werden.

Die am Montag veröffentlichten BIP-Daten sind enttäuschend ausgefallen. Die japanische Wirtschaft ist im zweiten Quartal jährlich um 0,2% gewachsen, nach 2,0% im ersten Quartal.

Auch die Industrieproduktion im Juni gibt keinen Anlass für eine optimistische Erwartungshaltung: -1,5% per annum.

Heisst das nun, dass Abenomics gescheitert ist? Müssen Strukturreformen her? Schliesslich besteht Abenomics aus drei Pfeilern: 1) Geldpolitik, 2) Fiskalpolitik und 3) Strukturreform.

Nein, sagt Paul Krugman in seinem Blog. Die wahre Lektion von Abenomics ist, dass die Geldpolitik an ihre Grenzen gestossen ist. Das heisst, dass die Geldpolitik an der Nullzins-Grenze (zero lower bound) an Zugkraft verliert, wie die Theorie der Liquiditätsfalle es vorausgesagt hat.


Der konjunkturbereinigte (*) primäre Haushaltssaldo (cyclically adjusted primary balance), Graph: Paul Krugman in NYTimes

Montag, 15. August 2016

Das Versagen der Globalisierung in der Praxis

Eine der tiefen Spuren, die die Finanzkrise von 2008 hinterlassen hat, macht sich am Verlauf des Welthandels bemerkbar: Der Welthandel pendelt auf einem niedrigeren Niveau ein.

Das durchschnittliche jährliche Wachstum des globalen Handelsvolumens lag von 2009 bis 2016 bei 3%, nur noch halb so hoch wie von 1980 bis 2008, wie Steven Roach in seiner Kolumne bei Project Syndicate beschreibt.

Die Globalisierung hat ihren politischen Rückhalt verloren, hebt der frühere Vorstandvorsitzende von Morgan Stanley Asia hervor

Im Gegensatz zu dem, was wir oft hören, ist die Weltwirtschaft kein globales Gemeingut, schreibt Dani Rodrik in seiner lesenswerten Kolumne („The False Economic Promise of Globale Governance“) bei Project Syndicate

Global Governance kann nur begrenzt Gutes tun, und es richtet gelegentlich einige Schäden an, so der an der Harvard University lehrende Wirtschaftsprofessor.

Die vielleicht grösste politische Enttäuschung in den fortgeschrittenen Demokratien ist, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft zunimmt und die Entscheidungsträger tatenlos zuschauen. Die Problematik liegt i.d.R. in der Innenpolitik, wo die Finanz- und Wirtschaftseliten den politischen Entscheidungsprozess gut im Griff zu halten scheinen und damit die Umverteilungspolitik engen Grenzen unterwerfen.



Das Wachstum des globalen Handelsvolumens, Graph: Morgan Stanley

Freitag, 12. August 2016

Inkonsistenz der Auteritätspolitik und Sanktionen

Daniel Gros bedauert in seiner Kolumne („The Silent Death of Eurozone Governance“) bei Project Syndicate, dass die Europäische Kommission keine Sanktionen gegen Spanien und Portugal wegen Haushaltsdefizite verhängt hat.

Das Bussgeld wäre weitgehend symbolischer Art (*) gewesen, schreibt der Direktor des Centre for European Policy Studies (CEPS). Und er jammert weiter, dass auch das übrige Europa still geblieben sei.

Gros findet die „haushaltspolitische Nachsicht“ in der EU irgendwie unverzeihbar. Die Finanzdisziplin muss bewahrt werden, koste es, was es wolle, so der Tenor.

Im Grunde genommen fordert der deutsche Ökonom mehr Schmerzen für die Menschen in Spanien (**) und Portugal, wo die Arbeitslosenquote 19,9% bzw. 11,2% beträgt.

Seine Begründung: Wenn das Defizitverfahren des Stabilitäts- und Wachstumspaktes nicht zur Anwendung kommt, was zwingt dann die Mitgliedstaaten, Reformen einzuleiten und ihr Schuldenniveau zu stabilisieren?

Spätestens an dieser Stelle wird es interessant, die liquidationistische Haltung des früheren Wirtschaftsberaters der EU-Kommission kurz unter die Lupe zu nehmen.


Fiskal-Multiplikatoren von Staatsausgaben in einer von Überschuldung des Privatsektors verursachten Rezession, Graph: Cleveland Fed in: „Does fiscal stimulus work when recessions are caused by too much private debt?“), Aug 08, 2016.